Klimawandel & der Gute-Laune-Faktor

Wie viel fair passt noch in Fashion?“ – DIE Frage, über die im Hause Avocadostore im Rahmen der Fashion Revolution Week diskutiert wurde. Auf dem „Avocado-Sofa“ saß neben Mimi (Geschäftsführerin des Avocadostores), Jula von JAN `JUNE, Pola & Thekla aka die Kleiderei und Anja von OTTO (ein guter Mix also) auch Dr. Stefan Siemer, Nachhaltigkeitsexperte und Strategieberater. Mit ihm habe ich mich ein paar Tage später noch mal auf ein Käffchen zusammengesetzt, um bei einigen wichtigen Punkten der Diskussion neugierig nachzuhaken.

 

 

 

„Negativität schwächt mich & damit meine Möglichkeiten, das System zu ändern.“


 

Auf dem Podium habt ihr auch über das depressive Loch gesprochen, in das man fällt, wenn man über den Klimawandel und unfaire Produktionen nachdenkt. Ich kenn das: Manchmal kommt man den Punkt, an dem man plötzlich resigniert und denkt, es sei eh zu spät. Wie ist das bei dir? Glaubst du, wir können noch was drehen?

 

Mal so, mal so. Das hängt ja auch mit der eigenen Stimmung zusammen. Habe ich gerade zwei Stunden in der Sonne gesessen, bin ich gut drauf und optimistischer. Habe ich den ganzen Tag in einem dunklen Büro rumgehangen, ist die Stimmung ja eh schon im Keller und ich sehe eher schwarz.

 

Deshalb frage ich mich immer, wie man am besten den Gute-Laune-Faktor ins Thema reinbekommt, um eben auch andere zu erreichen, die erstmal nur Trübsal damit verbinden.

 

Verstehe ich. Früher war ich oft auf den Öko-Partys unterwegs. Das waren die reinsten Schlechte-Laune-Garanten. Alle saßen rum und haben über all das Schlechte diskutiert. Das hat einen natürlich runtergezogen. Letztendlich ist es die eigene Entscheidung, ob ich missmutig an das Thema rangehe oder einen optimistischen Zugang finde. Eigentlich müssen wir uns ja nur die Fragen stellen, um die es im Leben eh immer geht: Worin bin ich gut? Wie stell ich mir eine wünschenswerte Welt vor und was kann ich dafür tun?

 

Aber wie bring ich andere dazu, das zu schnallen, ohne ihnen auf den Sack zu gehen?

 

Schwierig, denn wenn mir jemand sagt, ich solle mich mit einem Thema auseinandersetzen, das mich bis dahin nicht interessiert, denke ich: „Warum? Lass mich in Ruhe.“ Altersvorsorge zum Beispiel. Hast du dir da mal Gedanken drüber gemacht? Ist das ein Lustgewinn?

Außerdem passiert das Auf-den-Sack-gehen sehr schnell, weil es in der Nachhaltigkeitsszene oft darum geht, anderen zu zeigen, wie böse sie sind. Es ist ja nicht nur die Info, die ich rüberbringe, sondern auch ein Status-Spiel: Wer ist der bessere Mensch?

 

Das ist, was ich meine: Es muss bei jedem selbst irgendwie Klick machen – ohne Zeigefinger. Eine Erfahrung, ein Erlebnis, die zur Motivation werden. Aber das kann ich nicht beeinflussen…. zumindest ist mir noch keine Idee gekommen wie.

 

Die positive Konnotation ist eine Möglichkeit: Nachhaltigkeit ist cool, weil… So machst du es auf Helllaut ja auch schon.

 

Hm, aber irgendwie passiert das wieder in so einer Bubble aus Leuten, bei denen es schon Klick gemacht hat. Aber frage mich: Wie erreiche ich die Leute mit den dicken Primark-Tüten, die sich nicht in meinem Dunstkreis bewegen?

 

Die meisten Leute bekommst du über Egoismus und Geld, nicht über eine Einsicht. Das die Leute bei Primark einkaufen, ist ja nicht blöd, sondern ökonomisch und sozial adäquat: Die Klamotten entsprechen den Codes ihrer sozialen Gruppe und sind dazu noch billig. Eine Lösung kann deshalb die Politik mit Regulierungen für bestimmte Standards sein.

 

Ist das überhaupt möglich? Unternehmen und Politik hängen ja oft zusammen. Da besteht dann ja wieder eine Abhängigkeit der Politik.

 

Naja, verglichen mit anderen Ländern haben wir einen ziemlich hohen Regulierungsstandard. Die EU-Mindeststandards für den Energieverbrauch von Haushaltsgeräten, der Einzug der Energiesparlampen und das ziemlich verlässliche Bio-Siegel sind einige Beispiele. Oder auch, dass ich mittlerweile mit ein paar Klicks im Internet komplett aus dem Atom- und Kohlestrom aussteigen und auf grünen Strom umschalten kann – von einem auf den anderen Moment.

 

Aber für mich bedeutet Nachhaltigkeit nicht nur ökologische Aspekte beachten, sondern auch Fairness – Menschen und Tieren gegenüber. Und da siehts noch schlecht aus.

 

Sicher. Aber es ist immer die eigene Entscheidung, ob man auf das guckt, was wir schon geschafft haben oder auf das, was wir noch nicht geschafft haben.

Und was passiert, wenn wir nur auf das Negative schauen? Steigert das die Motivation, etwas zu tun? Meine Erfahrung ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Schlechten zwar wichtig ist. Genauso wichtig ist es aber, hier das richtige Maß zu finden. Denn das Schlechte tut mir nicht gut und schwächt mich und meine Möglichkeiten, das System zu ändern.

 

Das ist wohl wahr. Dann geh ich jetzt mal zwei Stunden an die Sonne und dann: Positiv denken, um etwas zu verändern 🙌 Stefan, vieeelen Dank fürs „Mit-mir-quatschen“!

 

 

 

+++ Dies ist der zweite Teil unseres Gesprächs. Zum ersten Teil geht es HIER. Da klären wir in zwei Fragen, warum Greenwashing nicht immer gleich schlecht sein muss.

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