Demnächst im TV: Der erste Grüne Tatort

Demnächst (aka am Ostermontag) läuft ein ganz besonderer Tatort im Ersten. Ok, dass Heike Makatsch die Kommissarin in Fünf Minuten Himmel spielt ist schon ziemlich cool. Noch cooler allerdings ist, dass dies der erste GRÜNE Tatort ist. Grün im Sinne von umweltfreundlich. Was es nicht alles gibt... Aber was heißt das denn genau? Was wurde anders als bei einem "handelsüblichen" Tatort gemacht? 

 

  • Das Catering sollte möglichst bio, vor allem aber regional und saisonal sein. Für den Caterer hieß es also: Eine kleine Tour von Hof zu Hof in der Gegend. 
  • Am Filmset wurde strikt auf die Mülltrennung geachtet. 
  • Jedes Crew-Mitglied bekam zum Start der Dreharbeiten eine eigene Flasche, die beim Caterer immer wieder aufgefüllt werden konnte. Damit: Ciao Einwegbecher & Plastikflaschen! 
  • Ciao Batterien. Welcome Akkus. 
  • Die Anreise des Teams wurde über die Bahn oder Fahrgemeinschaften organisiert, um Flüge zu vermeiden, um den CO2-Fußabdruck von Größe 45 zumindest auf 43 zu schrumpfen ;) 
  • Üblicherweise werden die LKWs mit der technischen Ausstattung scheinbar (ich kenne mich in der Branche ja nicht so aus) wohl an jedem Drehtag hin und her gekarrt. Bei diesem Tatort blieben so vor Ort. Das sparte Spritkosten, die dann in Wachpersonal investiert werden konnten. 
  • Drehpläne und Abläufe werden normalerweise für jeden ausgedruckt. Eigentlich Unfug, wo doch jeder heutzutage ein Smartphone hat. Also gab es alle Infos digital. 

Mehr Infos habe ich leider nicht, denn komischerweise wurde bisher erstaunlich wenig darüber berichtet. Ich konnte nur im Green Lifestyle Magazin (4. Ausgabe) und auf greenfilmshooting.net Infos finden. 

 

Warum eigentlich? Zeit, mal ein paar Fragen zum Thema nachhaltige Filmproduktion bei Dipl-Pol. Birgit Heidsiek loszuwerden. Sie betreibt seit 2012 das Medienmagazin Green Film Shooting sowie die Internetplattform www.greenfilmshooting.net, um über Entwicklungen im Bereich der nachhaltigen Film- und Medienproduktion zu berichten. Außerdem arbeitet sie als Journalistin für nationale und internationale Zeitschriften und Online-Dienste. 

 

 

"Junge Talente sind oftmals offener für nachhaltige Produktionen."

 

Journalistin Birgit Heidsiek von Greenfilmshooting im Interview über nachhaltige Film- und Medienproduktion

 

 Birgit, warum wird so wenig über den „grünen“ Tatort berichtet? 

 

In Deutschland ist das Thema nachhaltige Film- und Fernsehproduktion immer noch nicht angekommen. Es gibt zwar durchaus schon viele Fortschritte zu verzeichnen, aber gemessen an dem gesamten Produktionsaufkommen sind diese noch immer marginal. Wahrscheinlich ist die Presse deshalb noch nicht so aufmerksam auf das Thema geworden. 

 

Wenn du dir anschaust, was beim „grünen“ Tatort für eine nachhaltigere Produktion gemacht wurde: Hast du das Gefühl, die haben es wirklich ernst gemeint oder sind das nur „Peanuts“? 

 

Die Produzenten vom „grünen“ Tatort” haben es wirklich erst gemeint und sich mit diesem Vorhaben bei der Filmförderung Baden Württemberg beworben, die eine Ausschreibung zum "Green Shooting” gestartet hat. Um herauszufinden, mit welchen Maßnahmen sich am meisten CO2-Emissionen einsparen lassen, ist dieses grüne Pilotprojekt wissenschaftlich von der Hochschule der Medien (HdM) begleitet worden, die nun die Ergebnisse auswertet.

Du hast ja schon aufgezählt, was bei der Produktion alles getan wurde, um nachhaltiger zu sein. Es gab aber auch Maßnahmen, die sich nicht umsetzen ließen. Der Einsatz von energieeffizienten LED-Scheinwerfern war nicht möglich, da es keinen Equipment-Verleiher in der Nähe gab, der sie vermietet. Einzelne Lampen aus Berlin oder Köln nach Freiburg zu schicken, hätte die Umweltbilanz sogar stärker belastet. Insofern muss die “grüne” Infrastruktur generell noch verbessert werden, aber das Angebot wächst bekanntlich erst mit steigender Nachfrage. Wenn entschieden wird, dass der Tatort in Freiburg von nun an immer nachhaltig produziert wird, können sich auch die Dienstleister darauf einstellen. 

 

Jemand, der nicht in der Branche arbeitet, hat wahrscheinlich gar keine Ahnung, warum die Filmproduktion so extrem ressourcenaufwendig ist... 

 

Am meisten schlagen sich Energie und Transport in der Ökobilanz nieder. Ein zentraler Punkt ist dabei die Stromversorgung. Die Energie wird meistens mit einem Dieselgenerator erzeugt, durch den hohe CO2-Emissionen generiert werden.

Außerdem reisen manche Produktionen mit dem ganzen Team (zwischen 40 und 300 Teammitglieder – von der Produktionsleitung über Kamera, Licht, Maske, Kostüm bis hin zum Catering) in andere Bundesländer, um dort die regionalen Fördereffekte zu erfüllen. Hat ein Film, der eigentlich komplett in Bayern gedreht werden könnte, nämlich finanzielle Unterstützung aus beispielsweise Berlin erhalten, müssen Szenen dann extra dort gedreht werden, weil ein bestimmter Teil der Fördersumme da ausgegeben werden MUSS. Hinzukommen die Flugreisen der Schauspieler, die z.B. am Wochenende nach Hause fahren.

Und dann sind da noch die gigantischen Sets, die errichtet werden und von denen nach Drehschluss viele Materialien zurückbleiben, die entsorgt werden müssen.

 

Gibt es denn schon Alternativen, die sich schnell übernehmen lassen, wenn man denn bereit dazu ist? 

 

Bei der Stromversorgung wäre der Bezug von Ökostrom aus dem Festnetz eine umweltfreundliche Alternative. Aber auch beim Catering gibt es viele Möglichkeiten, nachhaltiger zu wirtschaften. Das beginnt damit, generell weniger, aber dafür qualitativ besseres Essen anzubieten und auf den Einsatz von Einweggeschirr und PET-Flaschen zu verzichten. 

 

Wie stark ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Filmbranche? 

 

Als wir im Herbst 2012 mit der Produktion der ersten Ausgabe unseres Magazins Green Film Shooting begonnen haben, gab es nur wenige nachhaltige Produktionen wie die ZDF-Vorabendserie Der Landarzt. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) hatte gerade als erste Filmförderung in Deutschland den Grünen Drehpass mit entsprechenden, nachhaltigen Empfehlungen initiiert und das Bavaria Filmstudio als erstes Unternehmen in Europa sein Studio klimafreundlich umgerüstet. 

Seitdem gibt es eine wachsende Anzahl von Film- und Fernsehproduktionen, die auf eine Senkung des CO2-Fußabdrucks setzen, z.B. die Kino-Komödie Buddy von Michael Bully Herbig, Fernsehproduktionen wie Bloß kein Stress von Lars Jessen, TV-Serien wie Großstadtrevier und Notruf Hafenkante, die Daily Soap Sturm der Liebe sowie als erstes Entertainment-Format Die Quiz Show. Hinzu kommen viele Kurzfilme von jungen Nachwuchsregisseuren und Filmstudenten. Junge Talente sind oftmals offener für nachhaltige Produktionen, da sie noch keiner Routine folgen, die sich im Laufe der Jahre entwickelt. 

 

Wie einfach oder schwierig ist es, Filme ressourcenschonender zu produzieren?

 

Mülltrennung, Recycling, Umstellung auf Ökostrom sowie das Catering mit Nahrungsmitteln aus der Region lassen sich an jedem Set realisieren. Es gibt auch Best-Practice-Leitfaden, in denen entsprechende Maßnahmen aufgelistet sind, z.B. auf elektronische Kommunikation anstatt auf den Ausdruck auf Papier zu setzen, Kostüme aus einem Fundus auszuleihen statt neue Kleidung zu kaufen, beim Kulissenbau auf giftige Spanplatten, Farben und Lacke zu verzichten, aber auch kleine Maßnahmen wie nach der Arbeit im Produktionsbüro den Rechner herunterzufahren und das Licht auszuschalten. Es gibt für fast alle Anforderungen umweltfreundliche Alternativen, die mitunter sogar kostengünstiger sind. 

 

Woran hapert es dann bei der Umsetzung? 

 

Grünes Produzieren beginnt mit dem Bewusstsein. Das setzt jedoch die Bereitschaft der Crew-Mitglieder voraus, von ihren gewohnten Routinen abzuweichen und selbst kreative Lösungen zu entwickeln. Viele, die privat Biokost konsumieren und Ökostrom beziehen, setzen sich am Set gar nicht mit derartigen Fragen auseinander. Die größten Hindernisse sind stets die in den Köpfen der Menschen.

 

Sind knappe Budgets meist auch ein Grund? 

 

Klar erfordert eine nachhaltige Produktionsweise eine Infragestellung eingespielter Workflows, die teilweise verändert werden müssen. Das ist mit Aufwand und Arbeitszeit, also folglich mit einem Kostenfaktor verbunden. Andererseits können durch einen effizienteren Umgang mit Ressourcen wie Strom oder durch Fahrgemeinschaften auch Kosten gespart werden. 

 

Welche Länder sind Vorbilder, wenn es um grüne Produktionen geht? 

 

In Deutschland hat die Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein (FFHSH) 2012 den Grünen Drehpass aufgelegt, um Empfehlungen für eine nachhaltige Produktionen zu geben. Das Motto des Grünen Drehpasses: „Vermeiden, verringern, verwerten”. Diese Empfehlungen orientieren sich am Best Practice Guide des amerikanischen Produzentenverbandes Producer Guild of America, der damit weltweit den Standard für die grüne Film- und Fernsehproduktion gesetzt hat. 

Die flämische Filmförderung in Belgien koppelt sogar seit 2013 die Vergabe der öffentlichen Fördergelder an die Auflage, den ökologischen Fußabdruck für die Produktion zu kontrollieren. Die letzte Rate der Gelder fließt dort erst, wenn eine Schadstoffbilanz vorgelegt wird. Dabei unterstützt die Filmförderung sie mit kostenlosen Workshops, einer grünen Produktionsfibel mit Firmenadressen sowie einem CO2-Rechner – mit Erfolg. Dank des Projektes e-Mission werden die Filme dort jetzt mit rund 30% geringeren Emissionen produziert.

In Großbritannien wird bei allen Auftragsproduktionen für BBC, ITV oder Sky verlangt, den ökologischen Fußabdruck zu erheben. International bekannte TV-Serien wie Downtown Abbey und Coronation Street werden bereits grün produziert. Zudem werden die Produktionen durch ein Zertifizierungssystem angeregt, grüne Maßnahmen zur Kosteneinsparung zu finden. 

 

Ist Hollywood in Sachen „grüne Produktion“ eigentlich eher Vorreiter oder Hinterherhinker? 

 

Sie sind eindeutig der Vorreiter! Die großen amerikanischen Hollywoodstudios wie Disney, Sony Pictures, Warner Bros., Paramount oder die 20th Century Fox haben gemeinsam grüne Empfehlungen für nachhaltige Praktiken im Produktionsbüro, im Studio und für Außendrehs entwickelt. Bei dem Blockbuster The Amazing Spider Man 2 wurden allein durch Müllvermeidung und Recycling auf knapp 50.000 Dollar gespart. Dafür gesorgt hat Emellie O’Brien, die als Öko-Supervisor an der amerikanischen Ostküste aktiv ist. Bei dieser Hollywoodproduktion sind rund 755 Tonnen Müll, was der dreieinhalbfachen Größe der Freiheitsstatue entspricht, recycelt worden. Zudem wurden nach Abschluss der Produktion etwa 49 Tonnen an Bau- und Dekorationsmaterialien verkauft oder gespendet. 

 

Wow, das sind enorme Mengen, die erstmal klar machen, was bei einer Produktion überhaupt so anfällt. 

Wirst du dir den „grünen“ Tatort eigentlich angucken oder sind Krimis nicht so dein Ding? 

 

Natürlich bin ich neugierig darauf. Allerdings verhält es sich mit der nachhaltigen Produktion wie mit gut gemachten visuellen Effekten: Sie bleibt für den Zuschauer komplett unsichtbar. 

 

Liebe Birgit, vieeelen Dank für deine Antworten✌️

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Kommentare: 1
  • #1

    Vince Dashner (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:51)


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